Manche von euch kennen diesen Blog schon eine Weile. Ihr habt mit mir Sauerteig angesetzt, Roggenbrot gebacken, Schmorgurken gekocht und Eierlikör-Marmorkuchen vernichtet – Letzteres mit einer kollektiven Begeisterung, die mich bis heute innerlich wärmt wie ein gut eingestellter Kachelofen.
Und dann wurde es still.
Keine Entschuldigung. Aber eine Erklärung – die ihr euch verdient habt, auch wenn sie etwas länger ist als eine gewöhnliche Abwesenheitsnotiz.
Das Leben hatte andere Pläne. Wie üblich.
Ich habe eine Ausbildung zur CranioSacral-Therapeutin gemacht. Dann eine zur Psychoonkologin. Dazwischen: den besten Mann von allen kennengelernt. Umgezogen. Neu angefangen. Das Leben in jenem Vollgalopp gelebt, der sich im Nachhinein wie ein Geschenk anfühlt und währenddessen wie komplette Überforderung.
Der Blog musste warten. Das ist keine Vernachlässigung. Das ist das Leben das sich nimmt was es braucht – und das dabei keinerlei Rücksicht auf Redaktionspläne nimmt, was ich grundsätzlich für eine Unverschämtheit halte, gegen die man aber nichts ausrichten kann – es sei denn man schreibt einen Blog, was ich hiermit ebenfalls als Gegenmittel empfehle.
Und dann kam der Moment der alles wieder leiser gemacht hat.

Bäm. Krebsmetastasen.
Das erste Mal war vor Jahren. Brustkrebs. Das volle Programm. Mein Jüngster war da gerade acht Wochen alt, meine älteste Tochter Lina war zarte 13 Jahre alt. Ich vergesse nie den Augenblick, als wir es ihr gesagt haben. Riesengroße Augen guckten mich an und sie fragte ganz ernst: Stirbst Du jetzt?
Ich hab sie in den Arm genommen und gesagt: Jetzt erst mal nicht.
Wir haben geweint und erzählt und danach zu Abend gegessen.
Mein Vater hat damals etwas drastischer reagiert. Er war es, der zu den ersten Untersuchungen mitgekommen ist – schlaues Vier-Ohren-Prinzip, das ihm niemand empfohlen hatte und das er trotzdem instinktiv richtig fand, was ihn in meinen Augen bis heute auszeichnet. Nach gefühlten hundert Stunden auf Krankenhausfluren und einer nicht unerheblichen Anzahl an Boulevardblättchen – jenem eigentümlichen Wartezimmer-Lesestoff, der einen beim Lesen gleichzeitig unterhält und beschämt – sagte er irgendwann zu mir: Es ist völlig egal was diese ganzen Ärzte sagen. Ich verbiete Dir zu sterben. Schluss aus.
Ich habe es überstanden, weitergelebt, weitergeliebt, weitergelacht, weitergekocht – in dieser Reihenfolge, manchmal auch gleichzeitig, was physiologisch möglicherweise nicht ganz korrekt ist aber emotional absolut stimmt – und in diesem Haus gilt das Emotionale als die verlässlichere Instanz.
Jetzt ist er zurück. Metastasiert. Knochenmetastasen, um genau zu sein – der ungebetene Gast der sich diesmal tiefer eingenistet hat.
Ich schreibe das nicht damit ihr Mitleid habt. Mitleid ist das Ungemütlichste was man jemandem schicken kann – es nützt dem Empfänger wenig, kostet den Sender mehr als er denkt, und hat außerdem eine Haltbarkeitsproblematik die niemand anspricht: es verdirbt schnell und hinterlässt ein leises, beidseitiges Unbehagen. Wer wirklich helfen will, kocht lieber was.
Was bleibt: Es wird immer noch geliebt, gelebt, gekocht. Manchmal geweint. Manchmal gelacht – laut, unpassend, aus vollem Herzen. Manchmal beides gleichzeitig.
Leben mit Krebs und Humor – mein Credo
Tumor ist, wenn man trotzdem lacht. Das ist mein Credo. Das zweite, nach dem Kochen. Beide gelten. Gleichzeitig. Ohne Ausnahme.

Was ihr hier bekommt. Und was nicht.
Kein Ratgeber. Kein Zehn-Schritte-Programm zum richtigen Kranksein. Keine Weisheiten die sich gut auf Teelichter gravieren lassen – ich habe grundsätzlich Misstrauen gegenüber Weisheiten die auf Teelichter passen. Die Welt ist komplizierter als acht Wörter, und wer das bezweifelt, möge bitte kurz innehalten.
Was ihr bekommt: mein Leben. Das echte. Das unordentliche. Das manchmal komische und manchmal schwere – und alles dazwischen, also auch die Teile die nichts mit Krebs zu tun haben.
Denn das Leben geht weiter. Mit einer noch so grandiosen Diagnose geht es weiter – mit allen Dramen und korrespondierenden Alltäglichkeiten. Mit einem Glas Lambrusco zu viel. Mit Kindern die einen zum Lachen bringen auf eine Art die man nicht verdient aber dringend braucht. Mit Freunden, Eltern (auch Schwiegereltern!), Abenden, Rezepten, Momenten die nichts und deshalb alles bedeuten.
Für alle die jetzt denken: Gehört das hierhin?
Ja. Genau deshalb.
Krebs bekommt bei mir keinen Logenplatz. Er darf Mitfahrer sein. Aber er fährt nicht.
Gekocht wird immer.
Das ist keine Entscheidung die ich täglich neu treffe – das ist ein Zustand, so wie andere Menschen atmen oder Nachrichten schauen oder beides gleichzeitig tun und dabei keins von beidem richtig. Bei mir ist es Kochen. Es war schon immer so und es wird so bleiben, und wer das für eine Übertreibung hält, kennt mich nicht.
Und ja: Gesundheit und Ernährung hängen zusammen. Das hat jemand gesagt – Hippokrates vermutlich, oder wahlweise jemand der einen Hippokrates-Kalender besitzt und zu viel Zeit hat. Gesunder Körper, gesunder Geist. Mens sana in corpore sano. Das Zitat ist zweitausend Jahre alt und wird trotzdem noch täglich auf Fitnessstudio-Websites verwendet, was ihm eine Langlebigkeit beschert die man neidlos anerkennen muss.
Es gibt Forschung die nahelegt, dass im Darm mehr sitzt als nur das Mittagessen. Dass Entzündungen dort beginnen. Dass Krebs dort – nicht nur dort, aber auch dort – seinen Anfang nehmen kann. Das ist keine Esoterik. Das ist Wissenschaft, auch wenn sie manchmal in denselben Regalen steht wie die Esoterik, was für beide Seiten vermutlich unangenehm ist.
Ich koche also. Nicht um den Krebs zu besiegen – das wäre eine Erwartungshaltung gegenüber einem Auberginen-Curry die ich für unangemessen halte. Sondern weil der Körper isst was man ihm gibt. Weil eine gute Brühe wärmt. Weil der Darm, dieses unterschätzte, schweigsame, hochkomplexe Organ das nie klagt und nie Lob einfordert, es verdient dass man ihm etwas Ordentliches anbietet.
Metastasierter Brustkrebs im Alltag – und was die Seelenlage damit zu tun hat
Einstellung ist alles – das sagen Menschen die entweder sehr viel durchgemacht haben und daraus etwas Tragfähiges gebaut haben, oder sehr wenig durchgemacht haben und das nicht wissen. Beide meinen es gut. Das macht es nicht einfacher.
Die Seelenlage ist wichtig. Das stimmt. Die Seelenlage ist manchmal auch ein Terrorist. Das stimmt genauso.
Mit Terroristen wird nicht verhandelt. Das hat George W. Bush gesagt – ein Mann, der ansonsten vor allem dadurch auffiel, dass er mit Sätzen die Sinn ergaben eher sparsam umging, als wären sie eine endliche Ressource die es zu schonen gilt. Ausgerechnet dieser Satz aber – auf die eigene Seelenlage angewendet – stimmt.
Der Terrorist sitzt nachts auf der Brust. Vorzugsweise um drei Uhr, und flüstert dass schlechte Gedanken die Heilung sabotieren. Was erstens nicht stimmt, und zweitens in dieser Stunde so ungefähr das Niederträchtigste ist was man jemandem flüstern kann.
Was es dann braucht: Werkzeuge. Kleine, gelegentlich absurd banale Werkzeuge mit denen sich das Stimmungsbarometer nach oben bewegen lässt – nicht weil man muss, sondern weil ein Nachmittag der sich gut anfühlt besser ist als einer der es nicht tut. Das ist keine revolutionäre Erkenntnis. Aber sie ist wahr, und wahre Dinge haben die unangenehme Eigenschaft, dass man sie immer wieder neu entdecken muss.
Darüber möchte ich schreiben. Ohne Garantie. Ohne den Unterton, dass wer trotzdem weint, es nicht richtig versucht hat.
Großartige Diagnosen trennen.
Nicht nur krank von gesund. Sie trennen Arbeitsverhältnisse, Lebenspläne, Finanzkonstrukte die man für solide hielt – und machen selbst vor Freundschaften nicht halt.
Das ist der Teil den niemand im Aufklärungsgespräch erwähnt. Es gibt dafür auch kein eigenes Wort, was verdächtig ist, weil die deutsche Sprache für alles ein Wort hat. Für das plötzliche Verstummen von Menschen die eine Woche zuvor noch Betroffenheitsprosa der gehobenen Kategorie produzierten, nicht.
Manche Menschen, die eine Woche zuvor noch geschluchzt haben – Oh nein, wie entsetzlich, ich bin für dich da, ruf an wann immer du willst, wirklich, jederzeit –, sind plötzlich sehr beschäftigt. Das Leben hat sich ergeben. Der Kalender. Man versteht das. Wirklich. Und trotzdem wird, wie Tommy es so präzise formuliert hat: Telefonspeicher frei.
Gleichzeitig tauchen Menschen auf die man nicht erwartet hätte.
Alte Bekannte die sich still und ohne großes Aufheben als echte Partner in Crime entpuppen. Neue Menschen die einfach da sind – ohne Schluchzen, ohne Versprechen, ohne den leicht angestrengten Ausdruck von jemandem der Anteilnahme leistet wie eine Überstunde – jene spezifische Gesichtsspannung, die man im Deutschen noch nicht benannt hat, obwohl man sie sofort erkennt.
Die Diagnose sortiert. Das ist brutal. Und manchmal, mit etwas Abstand, auch ein Geschenk. Meine Freundin Leo – Kinder- und Jugendtherapeutin, Worterfinderin vom Dienst – nennt so etwas ein Lerngeschenk. Was vermutlich dafür sorgt dass sich Eltern und Kinder nicht vor Verzweiflung die Haare raufen, und was ich hiermit für Erwachsene in Anspruch nehme.
Noch etwas, bevor wir anfangen.
Ich bin mit großer Freude politisch unkorrekt. Ich benutze schlimme Wörter wenn sie die richtigen sind. Ich nehme auf Befindlichkeiten keine Rücksicht – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil Sprache die auf Zehenspitzen schleicht meist nichts Vernünftiges zu sagen hat. Wer damit ein Problem hat, dem empfehle ich herzlich einen der zahlreichen anderen Blogs da draußen, auf denen ausschließlich nette Dinge stehen. Es gibt davon sehr viele. Sie sind leicht zu finden.
Was das konkret bedeutet: Wer mir erklären möchte wie ich zu schreiben habe, was ich zu fühlen habe, ob mein Humor angemessen ist, ob Lambrusco im Krankenhaus vertretbar ist, ob man über Krebs auch mal lachen darf, ob das hier alles so seine Richtigkeit hat…Not my circus, not my monkeys!
Ich bin nicht hier um zu gefallen. Ich bin hier um ehrlich zu sein. Das ist manchmal dasselbe. Meistens nicht.
…und das sage ich ohne jeden Respekt!
Und wie läuft das hier jetzt?
Die Geschichte erzähle ich in Kapiteln. Dieser hier ist der erste.
…demnächst: Es fängt mit einem Nacken an. Und mit einem EDEKA in Eutin. Mehr sage ich noch nicht.
Memo an mich selbst.
- Tumor ist, wenn man trotzdem lacht.
- Krebs bekommt keinen Logenplatz. Er darf Mitfahrer sein. Aber er fährt nicht.
- Mitleid verdirbt schnell. Wer wirklich helfen will, kocht lieber was.
- Weisheiten die auf Teelichter passen, passen meistens nicht ins Leben.
- Betroffenheitsprosa hält selten länger als zwei Wochen. Hühnersuppe länger.
- Da wo ich bin, soll gut gegessen werden. Das gilt. Gerade deshalb.
Bis wir uns wiedersehen – Lest, Kocht. Lacht. Bleibt unbequem. Kommt wieder. Anne 🍴
Wer es hier so gemütlich findet, daß er noch länger verweilen möchte, hat vielleicht Lust sich das hier durchzulesen:
Meine Mutter und ich und dann irgendwann ohne?
Wenn ihr selbst betroffen seid oder jemanden kennt der gerade mit einer Krebsdiagnose umgeht – schreibt mir gerne. Ihr seid nicht allein in der Küche.


5 Comments
Ich hab diese „Weltansicht“, unverpackt und ohne Zucker vermisst.
Schön, wenn Du Lust hast mitzulesen.
Alles Liebe, Anne
Ich habe nicht viel Worte und doch das Bedürfnis eine Nachricht zu hinterlassen. Ich weiß nicht mal, warum ich es gelesen habe. Normalerweise verweigert sich mein innerer Monk. Das macht Krank schreit es ganz laut in mir. Und doch hab ich bis zum Ende weiter gelesen und warum: weil ich bei fast jedem Satz gedacht habe „Ja, genau so ist es, liebe Anne“.
Ich mag keinen Lambrusco, lieber Primitvo aber ich mag Deinen Stil.
Ich hatte sehr viel Glück – früh erkannt, alles gut jetzt – fuck Cancer – liebe Anne.
PS: Ich bin jetzt mal ein „Follower“ – ob ich alles lesen werde, mal sehen – ich bin auf jeden Fall neugierig und ich hab doch mehr Worte als gedacht
Liebe Christina,
Lambrusco, Primitivo…ich bin bei beidem dabei.Vielen Dank für Deine Worte. Auf die Gesundheit 🙂
ANNE !!!!❤️ Fuck mein Schatz, möchte ich schreiben, wenn ich sowas zu Dir sagen darf!! Das Leben ist ein mieser Verräter!! (Manchmal…) Deine Worte auf Deinem Blog waren so bähm ins Herz!! DANKE für Dein sich-zeigen, Deine Offenheit. Deine Kraft, die aus Deinen Worten spricht, Dein Ausdrücken, was für Dich wirklich wichtig ist in dieser Welt. Ich weine mit Dir, ich bange mit Dir, ich bin mit Dir voller Hoffnung, es ist nichts nada nada keine Schuldfrage, Du hast nichts „falsch“ gemacht, dass Du „das verdienst“. Und: wenn ich mal zum positiven „Denken“ was sagen darf: ich finde, das positive FÜHLEN ist wichtig, und zwar nicht, die negativen Gefühle wegzudrücken, sondern zu durchleben!! Nicht wegzulaufen, sondern der Dunkelheit sich zu stellen, damit Du wieder das Licht sehen kannst. Vom Dunklen zum Licht. „Wenn alles um dich herum dunkel ist, schau nochmal, vielleicht bist du selbst das Licht“ Rumi…. Und ja, es wird Menschen/Freunde kosten (was an sich ja völlig unverständlich und unglaublich ist, aber so sind die Erfahrungen all der Menschen, die ich mit Krebs kenne) und ja es wird Dinge sichtbar machen, aber: Du wirst sehen, wer wirklich zu dir steht, auf wen Du zählen kannst, und das ist doch der grosse Wert, den die ganze Scheisse hat!! Und ich weiss, Dein liebes grosses besonderes Herz, manchmal versteckt unter einer Schale, die Menschen von Dir fernhält, aber immer voller Mitgefühl und den anderen fühlen können, oft ohne es zu äußern, findet die richtigen Menschen, die du jetzt brauchst!!Und: Du traust Dich „auszusortieren“, was gerade jetzt so wichtig ist!! Und Du hast in Timo (endlich?) den besten Mann an Deiner Seite!! Kochen macht glücklich, nicht nur Dich sondern auch andere, zum Beispiel uns. Und Du gibst ertwas wichtiges von Dir und bekommst etwas zurück. Good vibes. Was für außerordentliche Worte du gefunden hast, um Dich mitzuteilen, dass hat mich sehr gerührt und aufgewühlt. So viel Tiefe und Klugheit, aber auch Humor und Leichtigkeit. So haben wir dich immer als vielschichtigen Menschen erlebt. Liebe Anne, Du wirst den richtigen und guten Weg finden. Wir hoffen, wir könnten Dich, wie auch immer begleiten. Auf jeden Fall in Gedanken und Gebeten. Hier aus Fisterra, aus diesem energetischen Ort am Jakobsweg, und heute zu Beltane, dem keltischen Fest der Erneuerung wünschen wir Dir viel heilende Kraft, die heute durch Dich fließen möge, Schutz und Führung auf Deinem Weg. Bitte!! Lass uns in Kontakt bleiben. Eine Freundin von uns ist auch gerade nach 22 Jahren wieder an Brustkrebs erkrankt, unsere Tochter vor 11 Jahren, es ist für uns ein Thema, das uns lange begleitet. Liebe Anne, ich erinnere mich an unser beider Rauhnachterfahrung, du fandest Mantren irgendwie komisch und konntest dir nicht vorstellen, davon berührt zu werden. Und dann doch! Deshalb schicke ich dir noch ein Lied mit, dass ich geschrieben habe, ein Mantra zum Thema „das Licht in dir“. Ich umarme Dich sehr und freue mich, wenn wir uns im Oktober in Eutin sehen! Herzensgrüsse Frauke (und bitte auch herzliche Grüsse von uns an Timo)