Mitleid und Mitgefühl – der Unterschied ist größer als man denkt
Mitleid und Mitgefühl… die Nachricht: Krebs ist für Betroffene UND das Umfeld ein Schock.
Das Gehirn ist kurz nicht erreichbar. Es meldet sich wieder. Vermutlich. Bis dahin läuft Warteschleifenmusik und du sitzt in einem Zimmer, jemand hat gerade einen Satz gesagt der ungefähr so viel wiegt wie ein Kühlschrank und du nickst weil nicken das einzige ist was noch geht.
Diagnoseschock. Klingt nach einem schlechten Superheldennamen. Ist aber der Moment in dem das Gehirn beschließt: nein. Zu viel. Ich leg das kurz weg. Wie eine Rechnung die man unter den Stapel schiebt. Alles was in diesem Moment gesagt wird klingt ungefähr so als würde jemand in einen Staubsauger rufen. Laut. Gut gemeint. Vollständig sinnlos.
Und dann fängt das Umfeld an.
Typ eins proklamiert mit Getöse wie doll er jetzt da ist. Tränen. Umarmung. Eventuell einen Ratgeber in Buchform (ganz genau mein Humor!). Er ist SOOOO da. Dermaßen da. Und dann – futsch. Weg. Als hätte jemand auf Stumm gedrückt. Nächste Woche nichts. Den Monat drauf ein Herzchen zu Weihnachten.
Typ zwei taucht auf. Einfach so. Sagt nicht viel. Fragt ob er bleiben soll. Bleibt. Kommt nächste Woche wieder ohne gefragt zu werden. Hat keinen Ratgeber dabei. Dafür manchmal Brot. Oder Suppe. Oder einfach nur Zeit.
Das Universum verteilt Zuverlässigkeit sehr chaotisch. Als würde es würfeln. Nachts. Betrunken.
Dann sind da die Eltern und Tanten und Onkel.
Menschen die dir das Laufen beigebracht haben. Gemeinsam mit dir an Mathematikhausaufgaben gescheitert sind. Dich schlafend ins Bett getragen haben als du noch getragen werden konntest. Die erklärt haben. Geschimpft. Getröstet. Tränen getrocknet und Pflaster geklebt. Die dich beim Erwachsenwerden begleitet haben. Liebeskummer versorgt haben. Die ihr Leben lang die Reihenfolge im Kopf hatten: erst ihr, dann wir. So läuft das. Das ist der Plan. Der Plan steht seit Jahrzehnten.
Und jetzt steht er womöglich nicht mehr. Für diesen Gedanken gibt es keine Worte.
Und dann sind da die Kinder.
Die in meinem Fall keinen mehr brauchen der sie ins Bett trägt. Die längst selbst funktionieren. Die einen eigenen Alltag haben mit eigenen Problemen und eigenen Plänen und die jetzt mit einer Nachricht dasitzen die sich anfühlt als hätte jemand mitten in einen laufenden Film die Leinwand weggezogen. Die ihre Mutter noch nicht zu Ende benutzt haben. Was für ein Gedanke.
Ich erinnere mich noch gut an den Moment in dem ich von der Krebsdiagnose meiner Mutter erfuhr. Ich war damals weit über vierzig und es hat mich getroffen als wär ich sieben Jahre alt.
Alle meine drei Kinder. Alle drei. Jedes wunderbar auf seine Weise. Haben erstmal keine Sprache dafür. Nicht weil sie zu jung sind. Sondern weil es keine gibt. Die muss man sich erst bauen. Das dauert. Das darf dauern.
Kurzer Exkurs zu Coping-Strategien.
Menschen – Betroffene und Umfeld – reagieren auf das Unbegreifliche indem sie irgendetwas tun. Irgendetwas das sich nach Kontrolle anfühlt. Oder nach Abstand. Oder nach beiden gleichzeitig was physikalisch eigentlich nicht geht aber emotional schon.
Manche leugnen erst. Leugnen ist unterschätzt. Leugnen ist nicht dumm. Leugnen ist das Gehirn, das sagt: ich verarbeite das in meinem eigenen Tempo und du kannst mich mal. Funktioniert bis es nicht mehr funktioniert. Dann kommt meistens Hadern.
Hadern ist Leugnen mit Wut drin. Warum ich. Warum jetzt. Warum überhaupt. Das Universum antwortet nicht. Das Universum hat keine Sprechzeiten. Hadern ist trotzdem sinnvoll weil es bedeutet: ich nehme das ernst genug um wütend zu sein. Das ist mehr als nichts.
Manche planen. Listen. Tabellen. Zweitmeinungen. Drittmeinungen. Der Glaube dass Information Kontrolle ist. Manchmal stimmt das sogar.
Andere ziehen sich zurück. Nicht weil es ihnen egal ist. Sondern weil draußen sein gerade zu viel Oberfläche hat. Sie verschwinden in Arbeit. In Serien. In Stille. Schweigen als Methode. Ist es manchmal.
Wieder andere beten. Oder meditieren. Oder zünden Kerzen an die diesmal nicht für Getöse sondern für etwas Echtes brennen. Der Glaube dass irgendetwas größer ist als diese Nachricht. Das hilft. Auch wenn man nicht genau sagen kann warum. Vielleicht gerade deshalb.
Manche fangen irgendwann an das Ganze neu zu betrachten. Nicht schönzureden. Sondern wirklich zu schauen was noch da ist. Was gewachsen ist trotzdem oder wegen allem. Klingt nach Zweckoptimismus. Ist aber manchmal echter als alles andere.
Und dann gibt es Humor. Die Strategie die alle anderen nervös macht. Der Mensch der Witze macht über Dinge über die man keine Witze macht. Der damit alle irritiert und sich selbst am Leben hält. Klinisch anerkannt übrigens. Was ich persönlich sehr komisch finde.
Das Wichtige: alle diese Strategien passieren gleichzeitig. In verschiedenen Menschen. Manchmal im selben Menschen an verschiedenen Tagen. Manchmal vorm Frühstück alle auf einmal. Keine davon ist falsch. Manche sind nur lauter als andere. Ich auch übrigens.
Seit ich meine Diagnose habe, lerne ich Menschen neu kennen.
Nicht neue Menschen. Die gleichen. Aber neu. Manche wachsen dabei. Manche schrumpfen. Und manche – das ist das Seltsamste – sind plötzlich vor allem mit sich selbst beschäftigt. Mit ihrer eigenen Angst. Mit ihrer eigenen Sterblichkeit die ich ihnen unfreiwillig vor die Nase halte. Ich bin, ohne es gewollt zu haben, zu einem Spiegel geworden. Was dann in manchen Gesichtern steht ist kein Mitgefühl für mich. Das dauert eine Weile bis man es versteht. Und dann dauert es noch länger bis man aufhört es persönlich zu nehmen.

Mitleid kommt immer mit Gepäck.
Mitleid und Mitgefühl – der Unterschied ist größer als man denkt. Mitleid ist meistens das erste was wir aus dem Hut zaubern. Weil wir es so gelernt haben. Weil es sich richtig anfühlt. Weil irgendjemand irgendwann gesagt hat: zeig dass es dir nicht egal ist. Und wir haben gezeigt. Mit Gesicht. Mit Ton. Mit langem Oooohhh. Oder Aaaaach herrjee. Häufig ist Mitleid, wenn man ehrlich hinschaut, mehr Selbstschutz als Fürsorge. Es schafft Abstand. Es positioniert den anderen als Leidenden und sich selbst als jemanden der noch auf der sicheren Seite steht.
Mitleid bedeutet: ich leide mit. Was sich erstmal anhört als wärst du nicht allein. Was sich aber anfühlt als hättest du jetzt zwei Probleme. Weil ja auf einmal zwei leiden.
Mitleid ist anstrengend. Für alle Beteiligten. Auch für den der es mitbringt. Weil Mitleid eine Haltung ist die man halten muss. Die sich anfühlt als würde man die ganze Zeit ein Gesicht machen. Und Gesichter halten ist anstrengend. Fragt mal einen Schauspieler.
Mitgefühl bedeutet: ich bin dabei.
Ohne mein Ach-ist-das-alles-furchtbar-Gesicht zu machen. Mitgefühl fragt nicht wie es dir geht um sich selbst besser zu fühlen. Mitgefühl fragt wie es dir geht und hält dann die Antwort aus. Auch wenn die Antwort lang ist. Auch wenn die Antwort unbequem ist. Auch wenn die Antwort gar keine Antwort ist sondern nur Schweigen.
Mitgefühl macht keine Angebote die es nicht einhalten kann. Es sagt nicht: ich bin immer für dich da. Es sagt: ich ruf dich Dienstag an. Und ruft dann Dienstag an. Der eine macht ein Gesicht. Der andere macht Platz.
Das eine ist Standard. Das andere Premium.
„Du siehst aber gar nicht aus wie jemand, der Krebs hat.“
Danke. Ich arbeite hart daran.
Es gibt Sätze die man sammelt. Nicht freiwillig. Die sammeln sich von selbst wie Quittungen in einer Handtasche.
- „Mein Nachbar hatte das auch. Der ist dann leider…“
- „Hast du das schon mit Kurkuma probiert?“
- „Alles hat einen Sinn.“
- „Du bist so stark, ich könnte das nicht.“
- „Aber du machst doch alles richtig!“
- „Positiv denken hilft wirklich.“
- „Ich kenn da jemanden, der ist einfach nie mehr zum Arzt gegangen und dem geht’s super.“
- „Wenigstens weißt du jetzt, was wirklich wichtig ist im Leben.“
- „Du musst unbedingt dieses Buch lesen.“
- „Hast du mal an deinen Stress gedacht? Krebs kommt oft von Stress.“
- „Vielleicht liegt es auch an der Coronaimpfung.“
- „Mein Heilpraktiker sagt—“
- „Du solltest mal Weihrauch probieren.“
- „Zucker ernährt den Krebs weißt du.“
- „Alles beginnt im Kopf.“
Alles schon gehört! Was diese Sätze gemeinsam haben ist nicht Bosheit – die ist in keinem davon. Vielleicht hat Kurkuma irgendjemandem irgendwann irgendwie geholfen. Vielleicht ist Stress tatsächlich kein Wellnessprogramm für Zellen. Und jeder weiß, dass Zucker ein Industriegift ist. Aber Ratschläge sind manchmal einfach nur Schläge mit einem R davor. Sie kommen an wie ein Möbelstück das jemand durchs Fenster wirft und dann ruft: ich mein’s gut. Das Gehirn das gerade mit einer Diagnose beschäftigt ist hat nicht viel Kapazität für gut gemeinte Möbelstücke.
Es gibt allerdings einen Unterschied.
Wenn jemand der selbst Krebs hat sagt: ich hab das mit dem Kurkuma probiert – dann klingt das seltsamerweise anders. Nicht weil Kurkuma plötzlich die Onkologie revolutioniert hat. Sondern weil dieser Mensch mit dir im selben Zimmer sitzt. Nicht durchs Fenster schaut. Nicht erklärt. Sondern einfach sagt: ich war auch da. Ich hab das auch gemacht. Hier ist was ich gedacht hab. Das ist das, was mir geholfen hat.
Das ist kein Ratschlag. Das ist Gesellschaft. Und Gesellschaft hilft. Fast immer. Unabhängig vom Kurkuma.
Ich habe großes Glück.
Timo auf dem IKEA-Parkplatz. Kein Wort. Albatrossarme. Das reichte vollständig.
Mein Vater – wir haben es nicht immer leicht miteinander. Wahrscheinlich weil wir uns schrecklich ähnlich sind. Aber in Krisen und auch sonst ist er immer für mich da. Er regt sich über die gleichen Dinge auf wie ich, gemeinsam können wir uns dann ganz herrlich in Rage reden. Wir haben den gleichen Sinn für Situationskomik. Ein Vater ist durch nichts zu ersetzen. Das ist ein großes, wirklich großes Glück.
Meine Schwiegermutter hat eine stille, leise, ganz feine Art der Präsenz. Warmherzig und liebend ohne dass sie etwas dafür tun muss. Sie ist einfach da. Ohne Ratschläge. Ohne aufgesetzte Fröhlichkeit. Ohne die gut gemeinte Anspannung von jemandem der versucht das Richtige zu sagen. Sie ist da – und das ist mehr als genug. Manchmal ist es alles. Und stets hat sie einen Kaffee für mich parat. …und ihr Bienenstich…ohne Worte. (Spoiler: das Rezept hat sie mir freundlicherweise verraten)
Mein Schwiegervater ist eine zwanzig Jahre ältere Version von Timo. Also auch ein ganz wunderbarer Mensch. Ich habe noch nicht erlebt dass ihn etwas aus der Ruhe bringt. Stille Hilfsbereitschaft die ohne große Worte einfach macht. Was mich von Anfang an für ihn eingenommen hat ist die ganz tiefe spürbare Liebe für seine Familie. Allen voran seine Frau und dann direkt danach sein Sohn. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als ich (noch ganz frisch in der Familie Münster) gesehen habe, wie der Vater sich von seinem Sohn verabschiedet hat. Und damit meine ich kein Ade vor einer Atlantiküberquerung, sondern ein kleines Tschüs am Ende eines launigen Grillnachmittags. Es war eine so herzliche, innige und liebevolle Umarmung. Nix schnell hingewurschteltes mit diesem bescheuerten Schulterklopfen. Das war ruhige tiefe Vaterliebe.
Und die Kinder. Meine drei. Alle ganz unterschiedlich und trotzdem finde ich mich in jedem von ihnen wieder. Die können nichts falsch machen und müssen nichts richtig machen. Sie sind einfach meine Kinder. Das ist das große Geschenk. Das reicht. Das ist sogar sehr viel. Sie haben es nicht immer leicht gehabt mit mir, und ich nicht mit ihnen. So wie es wahrscheinlich ganz normal ist. Für mich sind es wundervolle schöne Menschen. Und manchmal – viel zu selten, weil immer irgendwie alle was vorhaben – sitzen wir einfach zusammen und reden über irgendwas völlig anderes. Über einen schlechten Film. Über Essen. Über irgendeinen Unsinn der nichts mit Krebs zu tun hat. Das sind die besten Momente. Nicht weil wir so tun als wäre nichts. Sondern weil wir kurz einfach nur wir sind.
Dann sind da noch meine drei „Beutekinder“. Auch jedes wunderbar auf seine Weise. Jedes zweites Wochenende und wenn es möglich ist noch mehr zwischendurch, bringen sie genau die Unruhe, die es braucht ins Haus. Mit verrückten Ideen und Lust auf Leben. Das mit der Pubertät geht ja irgendwann vorbei….

Was mir hilft. Und was nicht.
Als Psychoonkologin kenne ich die Theorie. Als Patientin lerne ich die Praxis. Beides zusammen ergibt ein neues Bild.
Tango hilft. Der Körper erinnert sich an Freude auch wenn der Kopf gerade woanders ist. Auf einer Milonga gibt es keinen Krebs. Nur Musik und Bewegung und diesen einen Moment in dem der nächste Schritt der einzige Gedanke ist der zählt.
Kochen hilft. Nicht weil es ablenkt. Sondern weil es antwortet. Du tust etwas und es passiert etwas. Du schneidest Zwiebeln und sie werden kleiner. Du rührst eine Sauce und sie wird dichter. Das Leben ist gerade sehr unberechenbar. Eine Sauce ist berechenbar. Meistens. Und wenn nicht hat man wenigstens ein neues Problem das man lösen kann. Die Hände arbeiten. Der Kopf kommt zur Ruhe. Und am Ende isst jemand was du gekocht hast und sagt: das ist gut. Und das ist gut.
Humor hilft. Nicht als Verdrängung sondern als die winzige Lücke durch die das Licht fällt. Er hält die Dinge auf Abstand ohne sie wegzuschieben. Er sagt: ich sehe das hier. Ich sehe es genau. Und ich weigere mich es die ganze Zeit todernst zu nehmen weil ich sonst selbst vor lauter Ernst nicht mehr atmen kann. Humor ist die einzige Strategie die klinisch anerkannt ist und gleichzeitig alle anderen nervös macht. Was ich persönlich sehr komisch finde.
Schwarzer Humor über die eigene Diagnose ist ein Privileg. Meins. Nicht deins. Wenn ich sage: na ja, zumindest muss ich mir keine Gedanken mehr über die Altersvorsorge machen – dann ist das mein Witz. Den darf ich machen. Den darfst du nicht machen. Das ist wie bei Familiengeschichten: von innen sind sie lustig. Von außen sind sie nur seltsam.
Manche Menschen können damit nichts anfangen. Die sitzen dann da mit ihrem Betroffenheitsgesicht während ich einen Witz mache und ich sehe wie sie nicht wissen wohin mit sich. Das ist auch irgendwie komisch. Aber das sag ich dann nicht mehr laut.
Weinen hilft. Wirklich weinen. Nicht tapfer sein. Die ersten zwei Buchstaben von Tränen und tröstlich sind die gleichen. Das ist kein Zufall. Tränen sind biochemisch gesehen Stresshormonentsorgung. Das Gehirn schüttet aus, der Körper leitet ab, danach ist es einen Tick leichter. Das ist keine Metapher. Das ist Physiologie. Der Körper weiß was er tut. Meistens klüger als wir.
Tapfersein dagegen ist anstrengend. Tapfersein bedeutet: ich halte das hier zusammen damit die anderen nicht erschrecken. Was nett gemeint ist. Was aber bedeutet dass man neben allem anderen auch noch die Gefühle der anderen managt. Das ist zu viel. Das ist ehrlich gesagt ein Job den niemand ausgeschrieben hat.
Wer sagt dass Tränen Schwäche sind hat noch nie erlebt wie man danach atmet. Tief. Ruhig. Als hätte jemand ein Fenster aufgemacht.
Menschen die einfach da sind helfen. Nicht die die reden. Die die bleiben. Bleiben ist eine Kunst. Die meisten Menschen füllen Stille mit Worten weil Stille sich anfühlt als würde man nichts tun. Aber Stille ist nicht nichts. Stille ist manchmal das Einzige was passt.
Der Mensch der bleibt muss nichts sagen. Er muss nichts lösen. Er muss nur da sein. Mit seinem ganzen unspektakulären Dasein. Auf dem Sofa. Mit Kaffee oder ohne. Vielleicht mit einer schlechten Serie die keiner wirklich schaut.
Weil Bleiben bedeutet: ich lauf nicht weg wenn es unbequem wird. Ich halt das aus. Dich. Das hier. Diesen Moment der keine Auflösung hat. Manche Menschen können das. Wenige. Man erkennt sie nicht vorher. Man erkennt sie daran dass sie noch da sind wenn alle anderen gegangen sind.
Was nicht hilft: „Du musst positiv denken.“ Das ist Positivitätsterror verkleidet als Fürsorge. Wer um drei Uhr nachts wach liegt und Angst hat braucht keine Aufforderung zur guten Laune. Auch nicht hilfreich: „Ich kenne jemanden der das auch hatte und dem geht es jetzt super.“ Jede Krebsgeschichte ist eine eigene.
„Du schaffst das.“ Vielleicht. Aber das ist keine Information die heute Nacht hilft.
Und dann: „Ruf mich an wann immer du willst.“ Und dann geht das Telefon nicht mehr ran. Das ist nicht Böswilligkeit. Mitleid und Mitgefühl ist eben manchmal kompliziert.
Ich verstehe es. Es erschöpft mich trotzdem.
Manche Rezepte sind keine Rezepte.
Kochen hilft. Das hab ich oben geschrieben und ich mein es ernst. Nicht weil es ablenkt. Sondern weil die Hände arbeiten und der Kopf dabei kurz Pause machen darf. Wenn ich nicht weiß, was das Leben gerade mit mir vorhat, koche ich etwas, das nach Hause schmeckt. Nicht nach Hochglanz. Nicht nach Gäste beeindrucken.
Das sind Erinnerungen mit Zutaten. Schmorgurken mit Hackfleisch und Dill ist so eines. Das schmeckt nicht nach Küchenchef. Das schmeckt nach Oma. Nach dem Gefühl dass jemand einfach für dich gekocht hat weil du da warst und das gereicht hat.

Manchmal braucht man genau das. Das Rezept ist hier.
Memo an mich selbst.
- Mitleid erwächst oft aus Liebe. Es erschöpft trotzdem.
- Mitgefühl braucht keine Worte. Manchmal braucht es einfach jemanden der bleibt.
- Die gespiegelte Angst ist nicht böswillig. Ich muss sie trotzdem nicht mittragen.
- Wer nicht weiß was er sagen soll, soll das sagen. Das reicht.
- Kinder können nichts falsch machen und müssen nichts richtig machen.
Und wer gerade mittendrin ist – hier gibt es Informationen wie Betroffene mit der Diagnose umgehen.
Wenn ihr selbst betroffen seid oder jemanden kennt der gerade mit einer Krebsdiagnose umgeht – schreibt mir gerne. Ihr seid nicht allein in der Küche.
Bleibt ihr selbst. Bleibt am Tisch. Kommt wieder.
Anne 🍴

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