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Wann sage ich meinen Kindern dass ich Krebs habe? | Kapitel 3

27. Mai 2026

Kurzer Exkurs für alle die noch nie das Vergnügen hatten: Eine Knochenbiopsie ist, medizinisch gesprochen, ein vollkommen normaler Eingriff. Man nimmt eine Nadel – wobei das Wort Nadel hier mit einer Großzügigkeit verwendet wird die man sonst nur aus der Immobilienbranche kennt, wo ein Zimmer mit Fenster zum Innenhof als „lichtdurchflutet“ gilt – und entnimmt dem Knochen eine Gewebsprobe. Der Knochen wird dabei nicht gefragt. Das ist in der Medizin häufig so. Der Knochen hat auch keine Lobby.

Falls hier jemand frisch auf dem Blog ist und den Anfang der Geschichte sucht… Hier geht’s los.

Wozu das Ganze? Weil Krebs ein Mitbewohner ist der sich nicht vorstellt. Er zieht ein, richtet sich ein, hängt Bilder auf – und man möchte wissen womit man es genau zu tun hat. Das nennt sich Staging. Klingt nach Theater. Ist leider keins. Beim Staging geht es um Fragen wie: Wo ist er? Wieviel ist er? Und was für einer ist er – der Sorte die auf Hormone hört, oder der Sorte die macht was sie will und dabei auch noch pfeift?

Das Gute an der Knochenbiopsie: Man bekommt Propofol. Das Schlechte: Man braucht es auch. Das Tröstliche: Propofol funktioniert ausgezeichnet – und wenn man die Schwester nett fragt, spritzt sie es langsam. Ich habe die Schwester nett gefragt. Ich will was haben von der Reise. Sie hat gelacht. Sie hat es gemacht. Es war ein schöner Ritt.

Als ich aufwache bin ich herrlich Lala und schlafe erstmal bis nachmittags. Mittlerweile habe ich eine Zimmergenossin und Hunger. Das hiesige Essen ist nur für Verhungernde gedacht. Wie gut dass wir hier in Lösungen denken…

Die Lösung erscheint in Form eines Tommys. Mit Sushi. Mit Lambrusco. Mit der vollständigen Bereitschaft genauso viel Quatsch zu reden wie immer – als wäre das hier ein ganz normaler Dienstag. Was die edelste Form der Freundschaft ist die ich kenne.

Es gibt Nachrichten die man selbst noch eine Weile tragen möchte, bevor man sie weitergibt.

Bevor ich schlafen gehe, noch der obligatorische Anruf des Vatertiers. Es will alles wissen. Soviel neues gibt’s aber nicht. Und es mahnt. Wiederholt. Du musst es den Kindern sagen.

Kleiner Exkurs: Eine Krebsdiagnose nimmt einem vieles. Die Kontrolle über den eigenen Körper. Den Luxus der Sorglosigkeit. Die Fähigkeit in einem Wartezimmer zu sitzen ohne sofort zu wissen in welcher Ecke die schlechten Neuigkeiten herkommen. Aber sie nimmt einem nicht das Recht zu entscheiden, wer wann was erfährt.

Als Psychoonkologin weiß ich darum. Als Patientin fühle ich es – unwiderlegbar, tief, mit voller Überzeugung. Niemand – kein Arzt, kein gut gemeinter Ratschlag, auch kein besorgter Vater – darf einem dieses Recht nehmen. Man darf sich Zeit lassen. Man darf ankommen. Man darf entscheiden wann man stark genug ist um der Person die man liebt in die Augen zu schauen und zu sagen: Ich muss dir etwas sagen.

Was mir gehört – und was nicht.

Es gibt Nachrichten die man selbst noch eine Weile tragen möchte, bevor man sie weitergibt. Nicht aus Feigheit. Nicht aus Verdrängung. Sondern weil diese Nachrichten einem selbst gehören – solange man sie noch nicht ausgesprochen hat, ist man noch der Einzige der entscheidet was damit passiert. Wann. An wen. In welcher Form.

Das ist kein Luxus. Das ist ein Recht. Ich wollte es meinen Kindern sagen wenn ich wüsste wie es weitergeht. Nicht nur die Nachricht hinlegen wie ein schlecht verpacktes Geschenk – da, nehmt das, ich weiß auch nicht was drin ist –, sondern etwas mitliefern das trägt. Eine Richtung. Irgendetwas womit man arbeiten kann.

Ich wollte ihnen nicht sagen: Mami hat Krebs – und auf die Frage Und jetzt? sagen müssen: Ich weiß es nicht.

Ich erinnere mich noch so genau an Linas Blick beim ersten Mal. 2007. Sie war dreizehn. Riesengroße Augen die mich anschauten als wäre ich die einzige Person auf der Welt die die Antwort kannte.

Stirbst du jetzt?

Ich lasse das kurz stehen.

Weil es das verdient.

Kinder bleiben immer unsere Kinder. Es gibt kein Wort in unserer Sprache für erwachsenes Kind. Es heißt einfach Kind – egal wie alt, egal wie weit das Leben sie bereits getragen hat. In dem Moment wo man ihnen solche Nachrichten überbringt, sind sie wieder klein. Und man selbst will wieder Schutzwall sein, will sich zwischen sie und die Welt stellen und sagen: Hier kommt nichts durch. Nicht solange ich stehe.

Auch wenn man selbst gerade nicht besonders fest steht.

Mein Vater kassandriert immer noch: Anne, du musst es deinen Kindern sagen. Wenn Du zu lange wartest richtest Du Schaden an. Und ich so: Ja, ich weiß. In meinem Tempo.

Wo baut man seine Armee auf?

Wenn der Feind eine Armee hat, braucht man selbst auch eine. Ärzte, ja. Medikamente, ja. Der ganze Arsenal der modernen Medizin. Unverzichtbar. Aber das ist nicht alles. Das weiß ich als Psychoonkologin – und ich weiß es noch tiefer als Patientin.

Meine Armee ist größer. Bunter. Lauter. Manchmal chaotisch und immer unersetzlich.

Meine Armee ist der Mann, der auf einer dunklen Autobahn einen trotzigen Heiratsantrag macht, weil er dem Schicksal klarmachen will: bis hierher und nicht weiter. Es ist die Schwiegermutter, die einfach da ist – ohne Worte, ohne Ratschläge, nur da. Der Vater, der in ständigem Telefonkontakt bleibt und einfach still vor sich hin liebt. Es ist der Buddy der mit mir den Abend in der Klinik verbringt und mit mir genausoviel Quatsch redet, wie sonst auch. Es ist das Aufgefangensein. Das Wissen, dass wenn ich falle, Hände da sind.

Und das andere Wissen – das stille, das man nicht gerne ausspricht, das man aber braucht um wirklich atmen zu können: dass wenn es nicht klappt, jemand dabei ist. Jemand der begleitet. Bis zum Ende. In welcher Form auch immer.

Dieses Wissen trägt. Jeden Tag. Still und unspektakulär und absolut.

Humor hilft. Ich sage das nicht als Motto auf einem Motivationsposter.

Ich sage es als Psychoonkologin die es aus der Theorie kennt, und als Patientin die es täglich aus der Praxis weiß. Humor ist kein Gegenteil von Ernst. Kein Zeichen von Verdrängung. Humor ist der Freund, der in der dunkelsten Situation noch einen schlechten Witz macht – und damit nicht die Stimmung rettet, aber einen Moment lang Luft lässt. Eine winzige Lücke, durch die das Licht fällt.

Und dann sind da die Tränen.

Tränen sind nicht immer nur schlimm. Als Menschlein weiss ich es eh, als Mutter sowieso, als Therapeutin kannte ich es aus Büchern. Als Patientin habe ich es verstanden. Mit dem Körper. Unwiderlegbar. Und die ersten zwei Buchstaben von Tränen und tröstlich sind die gleichen.

Tränen trösten. Besonders die, die man gemeinsam weint.

 

Ein Samstagmorgen…

Das Krankenhaus spuckt mich morgens aus. Klar, es hat ja was es wollte. Ich bin um eine kleine Narbe reicher und darf mich nun eine Woche in Geduld üben. Meine Kernkompetenz. Zum Frühstück besuche ich den ungeduldigsten Menschen nach mir – den Vater. Auf dem Weg – ein Impuls. Jetzt rufst Du Lina an. Nicht geplant. Nicht vorbereitet. Einfach so.

Vielleicht war es genau das Richtige. Manche Gespräche sollte man nicht zu lange vorbereiten. Sonst redet man sich vorher so viel Mut ein, dass am Ende nur noch der Mut spricht und nicht mehr man selbst. Lina hat spontan Zeit. Als ich ihr sage, dass ich zu Großpapa fahre, klingt sie sich direkt mit in die Verabredung ein.

Ich werde empfangen mit Kaffee, Brötchen und Marmelade und den gleichen Fragen wie gestern. Ich gebe die gleichen Antworten wie gestern. Ich berichte, dass ich Lina angerufen habe und dass sie noch gar nicht weiß, dass ich ausser Mutterliebe noch Nachrichten habe. Wenn Lina kommt, plane ich sie auf der Strasse im Empfang zu nehmen und ein paar Schritte mit ihr zu gehen. Ich werde vortäuschen, etwas Luft schnappen zu wollen…mir wird schon was einfallen. Dann plane ich den Krebs aus dem Sack zu lassen. Der Vater ist hellauf begeistert von dieser Idee. Ja, das machst Du und dann gibts einen Schluck Schampus auf das ganze Debakel.

„Ich wusste es von Anfang an“, sagt Lina

Lina findet einen Parkplatz direkt vor dem Haus. In Eutin keine Schlagzeile wert, im Hamburger Generalsviertel kommt das auf das Titelblatt. Ich laufe die Treppen runter um sie zu begrüßen. Das Mädchen hat gerade…nennen wir es mal „geparkt“, steigt aus und mitten auf der Strasse fällt sie mir in die Arme und schluchzt: „Ich wusste es von Anfang an“, sagte sie mir. „Großpapa hat mich angerufen an dem Tag, als du die Nachricht bekommen hast.“

Sie ist zart. Ganz grazil fühlt sie sich in meinem Arm an. Die Schultern zucken und an meinem Hals wird es nass.

Jetzt weinen wir beide. Mitten auf der Straße. Ich sage ihr, wie lieb ich sie habe, wie leid mir das alles tut und dass sie immer ein gewünschtes und gewolltes Kind war und ist. Dass ich gern eine perfekte Mutter gewesen wär, es aber nicht war, aber versucht habe so gut zu sein, wie ich konnte. Ich weiß nicht warum ich ihr das alles sage. Es wortelt einfach so aus mir heraus. Ich wette, der Großpapa steht auf seinem kleinen Balkon und guckt sich das ganze Drama an…

Krebs Kindern sagen

 

Ich habe Lina erzählt was ich weiß. Und was ich nicht weiß. Und dass das zweite gerade noch größer ist als das erste.Ich weiß: Die Metastasen sind da. Viele. Die Biopsie ist gemacht. DasErgebnis kommt. Und dann wird man sehen.Ich weiß nicht: Wie es weitergeht. Wie schnell. Was die Bilder zeigen werden. Was die Medizin kann. Was mein Körper kann.

Sie hat zugehört. Ohne zu unterbrechen. Ohne die Fragen zu stellen die sie vielleicht hatte. Und irgendwann – stelle ich fest – war da trotzdem etwas das ich nicht erwartet hatte. Erleichterung.

Nicht über die Nachricht. Über das Gespräch. Über das Ausgesprochen-Haben. Über das Gemeinsame-Tragen-Dürfen. Die Nachricht war dieselbe wie vorher – aber jetzt trug sie nicht mehr nur ich.

Der Vater und der Schweigefuchs

zurück zu Lutz. Er hatte es ihr gesagt. Und nicht nur ihr, vermute ich. Er war so außer sich, so überfordert mit dem was er wusste, dass er es möglicherweise jedem erzählt hat, der ihm gerade über den Weg gelaufen ist.

Erste Reaktion: Ich war böse, enttäuscht, fühlte mich verraten. Warum, verfickte Scheiße darf ich den Zeitpunkt nicht selbst bestimmen?! Tröstungsversuche für Lina und Povollfanatsien für Lutz wechseln sich ab.

Heute verstehe ich es besser. Wer kann es ihm verdenken? Er ist mein Vater. Derselbe Mann, der 2007 an meiner Seite saß und mir verboten hat zu sterben. Derselbe Mann, der stark sein wollte – und diesmal einfach nicht stark genug war, um die Nachricht alleine zu halten. Das ist keine Illoyalität. Das ist Liebe, die zu groß war für einen Menschen allein.

Memo an mich selbst.

  • Nachrichten dieser Art gehören einem. Das ist das Einzige an der ganzen Sache was einem wirklich gehört. Man darf den Zeitpunkt der Weitergabe entscheiden. Wann. An wen. Wie.
  • Kinder bleiben immer unsere Kinder. Es gibt kein Wort in unserer Sprache für erwachsenes Kind. Das ist kein Versehen.
  • Manche Gespräche sollte man nicht zu lange vorbereiten.
  • Tränen trösten. Besonders die, die man gemeinsam weint.
  • Und: Schweigefüchse sind manchmal auch nur Väter die lieben.

 

Wenn ihr selbst betroffen seid oder jemanden kennt der gerade mit einer Krebsdiagnose umgeht – schreibt mir gerne. Ihr seid nicht allein in der Küche.

Bis wir uns wiedersehen – Lest, Kocht. Lacht. Bleibt unbequem. Kommt wieder. Anne 🍴

 

Wer es hier so gemütlich findet, daß er noch länger verweilen möchte, hat vielleicht Lust sich das hier durchzulesen:

Meine Mutter und ich und dann irgendwann ohne?

Mehr zu Patientenrechten bei Krebserkrankungen

 

 


Nächstes Kapitel: Erste bildgebende Verfahren – wie geht es jetzt weiter?

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Anne

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