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Eigentlich wollte ich nur einen Bandscheibenvorfall ausschließen | Kapitel 1

4. Mai 2026

„Kochen macht glücklich“ – das war mein Credo, lange bevor es diesen Blog gab. Hier war es eine Weile still. Nicht weil nichts passiert wäre – sondern weil zu viel passiert ist. Krebs zum Beispiel. Das zweite Mal. Diesmal metastasiert. Und trotzdem: da wo ich bin, soll gut gegessen werden. Von Anfang an lesen? Hier geht’s los.

„Eigentlich wollte ich nur einen Bandscheibenvorfall ausschließen.“, das ist die Art von Satz den man hinterher immer wieder sagt. Beim Zahnarzt. Auf Partys. Als Antwort auf die Frage wie das alles angefangen hat.

Wie kann eine Kette von scheinbar zufälligen, harmlosen Momenten sich zu etwas zusammenfügen, das das eigene Leben in ein Vorher und ein Nachher teilt? Wir müssen zurück. Zu einem sonnigen, harmlosen, trügerisch normalen Samstag im Frühjahr. In einem EDEKA in Eutin. Krass, wie idyllisch das klingt…

Ein Samstagmittag . EDEKA. Kurz nach zwölf. Die Wocheneinkaufs-Apokalypse.

Kassenschlange. Madeleine und ich. Das vollständige Mitteleuropapanorama des Samstagnachmittags – volle Körbe, leicht gelangweilte Gesichter, irgendwo der Geruch von frischem Brot der versöhnlich durch die Luft zieht und eigentlich der einzige Grund ist warum Menschen überhaupt noch in Supermärkte gehen statt alles liefern zu lassen.

Hinter uns: ein Mann. Er steht zwei Kunden hinter uns und möchte gern ein Bier käuflich erwerben. Grün geparkert und schwarz bemützt pöbelt er etwas mit sich selbst. Dann auch mit Einkaufsgenossen, dann auch mit uns. Ihm missfällt das Madeleine kurz in sich versunken, leise eine kleine Melodie pfeift. Eigentlich ganz hübsch.

Irgendwann – ohne Vorwarnung, ohne dramatische Musik, ohne dass das Universum auch nur kurz pling gemacht hätte – drängt er sich vorbei und rotzt meiner Freundin volle Kanne ins Gesicht.

Die nächste halbe Sekunde ist sehr still.

Dann handelt mein Körper. Nicht mein Verstand – mein Verstand war noch bei was zum Teufel hat das gerade – mein Körper war schon bei zwei Schritte, hinterher:

„Geht’s noch?!“

Da dreht der Spacken sich um. Ich sehe seine Faust kaum kommen…

Bäm.

Mein nächster und dann erstmal letzter Gedanke: KRAAASSS, jetzt bekomme ich anscheinend das erste Mal in meinem Leben eins auf’s Maul!

Was danach kommt lässt sich in Stichworten zusammenfassen: Ohnmacht, Wiederaufwachen, ein Auge das im Fünf-Minuten-Takt die Farbe wechselt (Lila, Blau, ein zartes Grün – die Farbpalette ist  beeindruckend, der Anlass weniger), Polizei, Timo erscheint in Warp-Geschwindigkeit, Kollegen die ihm mit bedeutungsvollem Blick sagen du bist nicht im Dienst, Krankenhaus, Diagnose: Jochbeinprellung, Gehirnerschütterung, Schleudertrauma. Das volle Programm. Der Schläger war polizeilich bekannt. Schizophreniekrank. Meinem Jochbein war das egal.

Von der Peinlichkeit, an einem Samstag Mittag beim EDEKA einen Faustschlag zu kassieren, und dann wie ein Bettvorleger von Ikea vor dem Brottresen rumzuliegen spreche ich noch gar nicht. Außer jetzt. Hier. Mit euch allen.

 

Vier Wochen Voltaren. Eine Beziehung mit schlechten Aussichten.

Beim Hausarzt wieder mal. Vier Wochen ist mein „Zusammenstoß“ mit Schizo her und ich habe noch immer hässliche Nackenschmerzen. Der Doktor lehnt sich zurück mit dem Gleichmut eines Mannes der heute bereits zwölf erschöpfend ähnliche Fälle gesehen hat und bei dem dreizehn nicht anders laufen wird..

Voltaren. Ibuprofen. Geduldig abwarten.

Zwei Wochen. Drei. Vier. Die Schmerzen bleiben als hätten sie beschlossen einzuziehen und sich dauerhaft einzurichten. Ich frage beim nächsten Besuch vorsichtig ob man vielleicht – nur so als Idee – mal ein Bild machen könnte?

„Das ist nicht nötig. Haben Sie etwas Geduld.“

Ich habe Geduld. Ich habe Voltaren. Ich habe Schmerzen.

Die Beziehung war, medizinisch gesprochen, von Anfang an kognitiv verzerrt zugunsten des Arztes. Ich hoffe er meinte es gut. Ich bin mir aber nicht sicher ob er das kann.

Ein Dienstagabend. Hamburg. Milonga. Und warum das hier reingehört.

Viele Wochen später. Ein Dienstagabend. Hamburg. Milonga.

Bevor der schicksalhafte Donnerstag seinen Auftritt hatte, gab es noch einen wundervollen, leuchtenden Dienstagabend – und der gehört in diese Geschichte, weil er zeigt, wie nah Schönheit und Schmerz manchmal beieinanderliegen.

Ich tanze seit vierzig Jahren Tango Argentino. Dieser so besondere Tanz hält mich seit meinen frühen Zwanzigern in seinem schrammeligen, glutvollen, melancholischen, manchmal absolut verrückten Griff. Er hat mir durch meine erste Krebserkrankung geholfen – hat mir Momente gegeben, in denen der Körper etwas anderes war als ein Schlachtfeld.

Tango war verlässlich da, wenn sonst nichts half.

Tango ist für mich kein Hobby. Hobbys sind Dinge, die man aufgeben kann. Tango ist das nicht. Tango ist wie tiefes, lebensnotwendiges Atmen – man bemerkt erst wie dringend notwendig es ist, wenn man damit aufhört und die Lunge zu brennen beginnt.

Milonga im lebendigen Schanzenviertel, mit Uli – meinem wunderbaren Tanzpartner, Wegbegleiter, einem meiner liebsten Menschen. Wir haben jahrelang gemeinsam unterrichtet, unvergessliche Tangoreisen nach Buenos Aires organisiert, Nächte durchtanzt bis die Füße ignoriert wurden.

Das Lokal ist ein Ort wie aus einer anderen Zeit. Kleine Tische aus verschiedenen Jahrzehnten. Samtige Polster. Licht das nicht strahlt sondern schimmert. Und über allem die Musik – das unverwechselbare Kratzen der alten Aufnahmen, die Bandoneóns die klingen als hätten sie ewiges Heimweh, die Geigen die ihnen tröstend antworten.

Auf einer Milonga schaut niemand auf sein Handy. 100 Menschen, kein Display. Körper gegen Körper. Seele gegen Seele. Herz an Herz.

Für diese Stunden existieren Nackenschmerzen schlichtweg nicht.

 

Ein Mittwochmorgen. Kaffee, ein zufälliger Termin, und ein Vagusnerv der nicht um Erlaubnis gefragt wurde.

Langer Frühstückskaffee mit Uli. Hamburg im Frühlingskleid draußen. Die Musik noch warm im Körper.

Und dann – so beiläufig wie das Leben manchmal seine wichtigsten Weichen stellt – entdecke ich auf der Website des Therapeutikums am Stephansplatz einen freien Termin. Morgen früh. Orthopäde. Der Arzt auf der Homepage lächelt mit stiller Kompetenz, das Gesicht eines Mannes dem man einen Nacken anvertrauen würde.

Ich buche ihn.

Nicht weil jemand ihn empfohlen hatte. Nicht weil der Nacken plötzlich schlimmer war. Sondern weil der Termin da war. Und weil man manchmal einfach bucht.

So fangen die wichtigsten Tage an. Ohne Fanfare.

Der Orthopäde: hochgewachsen, Ende Siebzig, einer jener seltenen Ärzte bei denen man sofort fühlt dass hier jemand ein ganzes Leben lang wirklich zugehört hat – im Unterschied zu der anderen Sorte, die zuhört bis sie weiß was sie verschreiben will, und dann auf Autopilot geht. Ich berichte von Supermarktprügeleien aus denen ich als glasklarer Verlierer hervorgehe. Er tastet meinen Nacken ab. Nickt. Murmelt irgendwas und kündigt eine Spritze an. Klar, wär ja was, wenn man mit Wirbelsäulenbeschwerden zum Orthopäden geht und KEINE Spritze bekäme. HA HA HAHAHA!

Die gibt er. Die Spritze.

Woraufhin ich prompt, geräuschlos und vollständig ohnmächtig werde. Aber diese Ohnmacht ist way better als die im Kaufmannsladen. Der Gute hat den Vagusnerv getroffen. Medizinisch harmlos. Fühlt sich an als hätte jemand den Stecker gezogen – der Körper beschließt kurz und ohne Rücksprache dass er jetzt nicht mehr mitmacht. Da diese bewusstseinsverengende Reise unter ärztlicher Aufsicht geschieht, isses eigentlich ganz schön. Der würdevolle freundliche Doktor hat sich selbst auch tüchtig erschrocken und sitzt nun getreulich neben mir während ich eine Infusion bekomme. Und als wäre das allein nicht schon süß, füttert er mich eifrig mit kleinen Milka-Herzen, direkt aus seiner Schreibtischschublade.

Und der Tommy wartet. Und wartet. Tommy wartet vergeblich. Wir vertagen uns.

Ich fahre nach Hause mit einem MRT-Termin im Gepäck für den nächsten Donnerstag. Das Schlimmste das ich mir ausmale: ein putzige kleine Bandscheibenprolapsdiagnose und ich hoffe darauf wieder Milkageherzt zu werden. Logo.

 

Ein Donnerstagvormittag… Diagnose frisst Donnerstag.

Rhythmisches Hämmern. Es klingt wie jemand der mit großer Ausdauer und vollständiger Überzeugung von seiner eigenen Wichtigkeit auf eine Wasserleitung schlägt. Immer wieder nur um mich zu nerven. Ich versuche an etwas Angenehmes zu denken. Mir fällt ein dass ich nicht weiß ob Piment und Pimentón dasselbe sind. Es sind nicht dasselbe. Das weiß ich jetzt, weil ich es mittlerweile gegoogelt habe. Ich denke an Tommy und unseren nächsten Versuch, eine gemeinsame Mahlzeit einzunehmen. An Lutz der mit nachmittäglichem Kaffee auf mich wartet.

Wie durch ein Wunder bin ich ohne Ertaubung von der Röhre wieder in das Sprechzimmer vom MilkaDoc gelangt.

Er lädt die Bilder auf den Screen – guckt als ob er gerade gemerkt hat dass er heute Abend noch Geburtstag hat und noch gar kein Geschenk und eigentlich auch keine Zeit, aber jetzt ist erstmal das hier dran – und verlässt wortlos den Raum.

Fünf Minuten vergehen. Zehn. Ich entwickle die Theorie dass er gegangen ist um in Würde zu sterben, so wie weise alte Elefanten das tun wenn ihre Zeit kommt. Ich will nicht unhöflich sein und nachschauen.

Dann kommt er zurück. Gar nicht gestorben aber mitgenommen.

„Also… diese Bilder. Das muss in die Tumorkonferenz.“

Er sagt es nicht freudig. Er sagt es so wie man Dinge sagt die man selbst lieber nicht sagen würde. Mittwoch Mittag. Er hat sich das auch anders vorgestellt.

Und ich so: HÄ? „Nein. Ich bin hier wegen meiner Nackenschmerzen.“

„Ja. Ich weiß. Aber das muss in die Tumorkonferenz.“

„Nee. Ich habe vielleicht einen Bandscheibenvorfall. Möglicherweise. Das wollen wir hier aber gern ausschließen. Das ist der Grund warum ich hier bin. Nicht wegen einer Konferenz.“ Ich sage das vorsichtshalber etwas lauter und langsamer, wie jemand der unerfahren im Umgang mit Demenzkranken ist. Der MilkaDoc ist aber weit von Tüddeligkeit entfernt!

„Das muss in die Tumorkonferenz.“ wiederholt mein weissbekittelter Milkaherzspender gebetsmühlenartig.

„Ja aber ich…“

„Tumorkonferenz.“

„Das ist doch Quatsch…“ ohne dass ich es stoppen könnte fließen Tränen.

„Konferenz…“ dringt irgendwie an mein Ohr, aber ich bin schon in meinem ganz eigenen Film.

„ICH BIN HIER WEGEN MEINES NACKENS.“

Er schaut mich an. Ruhig. Müde. Mit dem Blick eines Mannes schon oft Unangenehmes gesagt hat und der weiß, dass er noch viele Male Unangenehmes sagen wird und der trotzdem jedes Mal hofft, es möge das letzte Mal sein.

„…Das muss in die Tumorkonferenz.“

Stille.

Der Groschen fällt. Pfennigweise. Jeder einzelne Pfennig tut weh.

Irgendwann schlage ich nur noch mit dem Handrücken meiner rechten Hand rhythmisch in die Handfläche der linken – wie ein verzweifelter innerer Herzschlag : „Ich fahr doch jetzt nicht nach Hause. Wo soll ich denn jetzt hingehen?“

Er entschuldigt sich und verlässt den Raum um ein Telefonat zu machen. . Alle Ängste, die sonst so gut verpackt in imaginären Regalen stehen, stürzen auf mich ein. Ich bin verzweifelt. Eben war doch noch alles gut. Es muss ein Irrtum sein. Heute Abend lache ich darüber.

Das offene Telefon.

Ich hatte Timo angerufen während ich wartete. Während ich über Elefantenfriedhöfe sinnierte. Und ich hatte den Hörer nie aufgelegt.

Timo hatte nun unfreiwillig alles gehört. Den Satz des Arztes. Meine Verzweiflung. Meine Fragen ins Leere. Er saß in Eutin – neunzig Kilometer entfernt – und konnte nichts tun. Gar nichts. Die Frau die man liebt erfährt die schlimmste Nachricht ihres Lebens und man sitzt am Telefon und kann nicht einmal die Hand halten. Das ist das Grausamste was es gibt wenn man liebt.

„Hast du das gehört?“

Stille.

„Ja. Ich komme sofort.“

„Nein. Wir warten erst ab wie es jetzt weitergeht….“

Jetzt warten wir gemeinsam.

An verschiedenen Orten, aber gemeinsam. Wir werden ins Sankt Adolf Stift in Reinbek geschickt. Timo möchte mich gern abholen. Dafür bin ich leider viel zu ungeduldig. Achtzig Kilometer hin, zwanzig Kilometer gemeinsam nach Reinbek, das macht zusammen… ich kann das auch ausrechnen, ich bin nur gerade nicht in der Stimmung dafür… sehr viele Kilometer die ich gerade nicht warten kann.. Ich bitte Timo direkt ins Krankenhaus zu fahren und mich dort zu treffen. Ich löse mein Auto aus, treffe für zwei Minuten Tommy, der schonmal den Mittagstisch gestartet hat (weil es bei mir ja wieder länger gedauert hat), klaue ihm zwei Rigatoni vom Teller, während ich ein kurzes Update ausspucke. Tommy ist fassungslos und perplex und bietet sofort Begleitung an. Es ist tröstlich diese Angebote zu bekommen. Allein das tröstet. Ich benötige keine Fahrbegleitung, aber zu wissen, dass ich das Angebot annehmen könnte, Tröstet. Also ab nach Reinbek…

Aus dem Auto rufe ich meinen Vater an.

Nur um zu sagen: Heute wird das nichts mehr mit dem Kaffee. Er hörte zwei Sätze. Dann wird es still auf eine Art die nichts mit Sprachlosigkeit zu tun hatte – die Art von Stille die entsteht wenn jemand sehr genau verstanden hat und gerade sortiert wie er damit umgeht ohne dass man es ihm ansieht.

„Das ist ja furchtbar! Soll ich kommen?“

„Nein. Ich ruf dich an.“

„Ich komme sofort. Sag mir nur wohin.“

Ich möchte lieber erstmal allein los. Der Vater akzeptiert, nimmt mir aber das Versprechen ab, ich minuziös auf dem Laufenden zu halten.

Ruhe bewahren in Reinbek.

Im Sankt Adolf Stift schaut der Onkologe diese zerwühlte rotäugige Zombiekreatur an – das bin ich – und sagt mit einer Ruhe die mich sofort fasst wie zwei Hände an den Schultern:

„Erstmal beruhigen wir uns. Sie haben von einem netten älteren Orthopäden ein MRT mit zwei Sichtachsen erklärt bekommen. Jetzt sind Sie beim Onkologen. Ganz anderes Konzept. Geben Sie mir eine Viertelstunde.“

Ruhe bewahren. Plötzlich war da jemand der das Steuer übernimmt damit ich es kurz aus den Händen geben darf. Eine Viertelstunde die sich anfühlt wie ein eigenes Leben.

Zwei Eierschalen.

Der Onkologe kommt zurück: „Zwei Halswirbel sind komplett durchmetastasiert. Keine Knochenstruktur mehr – die Wirbel halten zusammen wie fragile Eierschalen. Er hält noch. Aber gerade so. Es ist ernst. Und wir haben nur Bilder Ihrer Halswirbelsäule. Sie haben aber ja noch mehr Knochen.“

Eierschalen. Etwas das aussieht wie gesunder Knochen, sich gibt wie Knochen, seinen Platz behauptet wie Knochen – aber innen längst ausgehöhlt ist. Ein gebrochenes Versprechen in Knochenform. Dieses Bild hat sich eingebrannt. Wie es nun weitergeht….mein Kopf ist wie in Watte gepackt. Ich sage, dass mein Freund unterwegs ist. Das scheint den Doktor zu beruhigen. Er schickt mich spazieren und in einer Stunde besprechen wir den Rest zusammen. Gemeinsam. Zu dritt.

IKEA-Parkplatz, kurz vor Reinbek.

Timo hatte das alles verpasst. Die Deutsche Bahn hatte mal wieder bewiesen dass Fahrpläne eher als unverbindliche Vorschläge zu verstehen sind – eine Haltung die ich unter anderen Umständen sogar respektieren würde. Ich sammle ihn letztendlich auf dem IKEA-Parkplatz auf. Er steigt aus. Schaut mich an. Kein Wort. Was sollte man auch sagen.

Es gibt Momente in denen Sprache nicht versagt – aber zu klein ist. In denen der beste, präziseste, liebevollste Satz der Welt nicht groß genug wäre. Das war so ein Moment. Timo mit seiner stillen Superkraft, weiß wann man schweigt. Er weiß wann man einfach da ist – ohne Kommentar, ohne das dringende Bedürfnis zu helfen das oft mehr dem Helfenden nützt als dem Leidenden.

Er breitet die Arme aus – diese langen ruhigen Albatrossarme – und zieht mich an seine Brust. Hält mich. Ohne zu fragen wie lange. Bis die Welt sich wieder etwas langsamer dreht. 1,90 Meter fleischgewordene Zuversicht. Es ist ganz egal was kommt. Ich bin hier.

Dass hinter dieser Ruhe echte tiefe manchmal kaum zu ertragende Angst wohnt – das sehe ich in seinen Augen wenn er denkt ich schaue nicht hin. Aber er trägt es so dass ich es in diesem Moment nicht mittragen muss. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist alles.

Wir gehen in die IKEA-Kantine. Köttbullar. Warm. Einfach. Zusammen. Die Kantine voll mit glücklichen, ahnungslosen Menschen die über Bücherregale nachdenken. Und wir mittendrin. Manchmal braucht man für die allergrößten Nachrichten den banalsten Rahmen der Welt.

Rezept: Köttbullar – weil manchmal IKEA die einzig richtige Antwort ist

Hackbällchen aus dem Ofen

 

 

Für alle langen, schweren Tage, an denen man einfach nur ankommen will. Und weil selbst kochen immer ein kleines, eigensinniges Bekenntnis zum Leben ist.

 

Zurück im Sankt Adolf Stift. Die Stühle. Eine Stunde und 10 Köttbullar später.

Ein neues Sprechzimmer. Wir sind offensichtlich im Wartezimmer von J.R. Ewing gelandet. Hochflorige Auslegware, Ledersessel, Marmortisch. Ich wäre weder überrascht noch abgeneigt, wenn nun ein Gläschen Whisky gereicht würde. Mein Onkologe hat sich verdoppelt. Vor uns sitzen der Chef der Chirurgie und der Chef der Onkologie. Bei diesem Gipfeltreffen verbessert sich meine Stimmungslage überhaupt nicht. Timo und ich sitzen da wie zwei Pennäler, die etwas angestellt haben, aber nicht wissen was, aber trotzdem wissen, das es nun mächtig Ärger geben wird.

Uns wird erklärt, dass es mehr Bilder braucht. Zwei Sichtachsen sind viel zu wenig. Und mit Kontrastmittel muss es sein. Ich bekomme eine schicke Halskrause und morgen früh sind wir herzlich eingeladen zu einem CT. Dann sehen wir weiter. Wir hören zu, nicken artig und 30 Minuten später sitzen wir im Auto. Auf der Heimfahrt ist es schweigsam. Manchmal sitzt man einfach nebeneinander und das reicht vollständig aus.

Memo an mich selbst.

  • Nackenschmerzen sind manchmal keine Nackenschmerzen. Das wäre hilfreich gewesen früher zu wissen.
  • Ein zufällig entdeckter Termin kann das Leben retten. Manche Dinge passieren genau richtig.
  • Ruhe bewahren – zwei Worte die manchmal mehr wiegen als ein ganzer Satz.
  • Das offene Telefon war kein Versehen.
  • Wenn jemand eine Freundin anrotzt: Schweigen ist keine Option. Ich würde es wieder tun. Auch mit dem Jochbein.
  • Eigentlich wollte ich nur einen Bandscheibenvorfall ausschließen. Als ob der Krebs aus Versehen da war. Als ob er falsch abgebogen ist und sich dann ein bisschen geniert hat. Hat er nicht.

 

Wenn ihr selbst betroffen seid oder jemanden kennt der gerade mit einer Krebsdiagnose umgeht – schreibt mir gerne. Ihr seid nicht allein in der Küche.

Bis wir uns wiedersehen – Lest, Kocht. Lacht. Bleibt unbequem. Kommt wieder. Anne 🍴

 

 

 

Wer es hier so gemütlich findet, daß er noch länger verweilen möchte, hat vielleicht Lust sich das hier durchzulesen:

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Anne

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