• essen & trinken
  • Anne schreibt
  • Fuck Cancer
  • Über mich
  • Kontakt

Die Mietnomadin. Ein erster Plan. Alternativlos. | Kapitel 5

22. Juli 2026

Die Mietnomadin. Ein Plan. Alternativlos. | Kapitel 5

Universitätsklinikum  Schleswig Holstein. Wir sitzen im Mammazentrum vor Frau Professor van Mackelenberg. Sie hat einen Stift und ein Blatt Papier, und beides benutzt sie, während sie redet. Das mag ich sofort. Menschen, die etwas aufmalen, haben verstanden, dass Sprache manchmal nicht reicht.

Sie erklärt ruhig. Sie erklärt geduldig. Sie erklärt es auch geduldig ein zweites Mal.

Timo nickt. Ich nicke. Wir nicken so synchron, dass man uns auf eine Hutablage stellen könnte. Timo wackeldackelt eine Spur bedächtiger als ich, aber das ist er in den meisten Lebenslagen.

Und irgendwo zwischen dem dritten und dem vierten Medikament beschließt mein Gehirn still und leise, dass es für heute genug Neuigkeiten verarbeitet hat. Der Kopiervorgang wird abgebrochen. Ohne Rückfrage. Ohne Fortschrittsbalken. Informationsoverload.

Das fühlt sich an wie neunte Klasse, Herr Diederichs, Integralrechnung. Die Wörter kommen an. Sie landen nur nirgends. Das klingt wie eine Sprache, hab ich damals gedacht. Nur halt nicht meine.

Der Unterschied zu Herrn Diederichs ist, dass Herr Diederichs es zwanzigmal erklärt hat. Nicht dass es viel bei mir genützt hätte, aber der Wille zählt.

Brustkrebs Rückfall Knochen – | Kochen macht glücklich

Die Mietnomadin. Eine kurze Würdigung.

Brustkrebs, Rückfall, Knochenmetastasen. Fast wie vor 17 Jahren, nur dass die Brust diesmal sauber ist.

Was bedeutet: irgendwo in mir hat eine Handvoll Zellen die Chemo und die Bestrahlung überlebt, und dann 17 Jahre gewartet. Still und geduldig. In einer Knochenwohnung mit guter Anbindung. Und irgendwann sind sie umgezogen, in Halswirbel und Rippen und über hundertmal in die Lunge. Schöne Lage. Ruhig. Südseite vermutlich. Ich fühle mich betrogen. Damals wurde mir gesagt, fünf Jahre…wenn die überstanden sind ohne Rezidiv, kommt da nix mehr. Pustekuchen.

Ich hab den Biestern gegenüber gemischte Gefühle. Einerseits: raus. Sofort. Andererseits diese Ausdauer. Dieser Langmut. Diese strategische Zurückhaltung über fast zwei Jahrzehnte. Das ist mehr Impulskontrolle, als ich bei schlechtem WLAN aufbringe.

Respekt. Wirklich.

Aber jetzt raus.

Die medizinische Räumungsklage.

Bei einem Brustkrebsrückfall mit Knochenmetastasen mit positivemHormonrezeptor wirft man die Mieterin nicht einfach raus. Man macht ihr das Wohnen unmöglich.

Zoladex stellt den Strom ab. Einmal im Monat als Spritze. Die Eierstöcke gehen in den Ruhezustand und mit ihnen die Östrogenproduktion, und Östrogen ist der Treibstoff, den dieser Tumor benutzt. Kein Treibstoff, kein Wachstum. Medizinisch simpel. Fühlt sich trotzdem an wie ein Lichtschalter, den jemand anderes umlegt.

Letrozol dreht das Wasser ab. Weil Östrogen nicht nur in den Eierstöcken entsteht, sondern auch im Fettgewebe. Letrozol sagt dem zuständigen Enzym: du machst heute nichts. Das Enzym macht nichts.

Kisqali verbietet Untermieter. Ribociclib heißt es auf dem Beipackzettel, Kisqali im richtigen Leben, und klingen tut es nach einem Après-Ski-Getränk mit Schirmchen. Krebszellen teilen sich, weil bestimmte Enzyme ihnen das Signal geben. Kisqali blockiert die Enzyme. Kein Signal, keine Teilung, kein Nachwuchs.

X-Geva stützt die tragenden Wände. Knochenmetastasen schwächen den Knochen, X-Geva bremst das. Einmal im Monat, auch als Spritze. Vorher zum Zahnarzt. Pflicht, keine Diskussion, und den Grund will man sich nicht ausbuchstabieren lassen.

Kein Strom, kein Wasser, kein Nachwuchs, verstärkte Statik.

Das ist kein Behandlungsplan. Das ist eine Räumungsklage mit medizinischem Beistand.

Und der Beipackzettel dazu, in einem Rutsch: Hitzewallungen. Nachtschweiß. Schlafstörungen. Stimmungsschwankungen. Gelenkschmerzen. Knochenschwund. Neutropenie. miese Leberwerte. EKG alle paar Wochen. Calcium und Vitamin D täglich.

Brustkrebs Rückfall Knochen – | Kochen macht glücklich

Wechseljahre. Die Zweitauflage.

Den Teil kenne ich schon.

2007 hat die Chemo dasselbe gemacht, nur unhöflicher. Julius war acht Wochen alt. Ich war Mitte dreißig und hatte Hitzewallungen in einer Wohnung, in der ein Säugling, ein Kleinkind und ein Pubertier zu versorgen war, und keine einzige Freundin in meinem Alter, die auch nur ansatzweise wusste, wovon ich rede. Damals hieß es: vorübergehend. Und es war vorübergehend.

Diesmal sagt niemand „vorübergehend“.

Das ist der Unterschied, und den erwähnt keiner der vier Beipackzettel. Ich weiß genau, was kommt. Ich kenne den Film. Ich weiß, wie es ist, um vier Uhr morgens wach zu liegen und das Bett zu wechseln und sich dabei einzureden, dass man das gut wegsteckt.

Man steckt es nicht gut weg. Man steckt es weg. Das ist schon viel.

Es soll ja auch Vorteile haben. Ich kann jetzt nur vermuten, was ich damit meine.

Alternativlos

Metastasierter Brustkrebs bedeutet: es gibt keinen Wahlzettel. Keine Entscheidungsmatrix. Keine drei Optionen mit Fußnoten und einem Arzt, der sagt, das müssen Sie selbst entscheiden.

Früher hätte mich das rasend gemacht. Heute ist es eine Erleichterung. Kein nächtliches Googeln. (By the war: nächtliches googeln tut rein gar nichts für einen!) Kein Vergleichsportal. Kein Weihrauch aus Mexiko. Einfach: los.

Die Erleichterung hält bis ungefähr halb elf abends. Dann fragt jemand freundlich bei Instagram, ob ich denn auch mal über was Ganzheitliches nachgedacht hätte, und plötzlich hab ich wieder das Gefühl, ich müsste etwas entscheiden, und dann liege ich da und entscheide nichts, sehr gründlich, bis zwei.

Alternativlosigkeit ist ein Tagesgefühl. Nachts arbeitet es nicht.

Vor den Plan hat der liebe Gott übrigens noch ein paar Strahlen gesetzt. Halswirbel, Rippen, Erstgespräch beim Kardiologen, Einmessung. Aber das ist eine eigene Geschichte, und die kriegt ein eigenes Kapitel, weil da eine Maske drin vorkommt.

Manche Tage enden nicht mit frisch gekochtem Essen.

Ich gebe der Woche zwei von fünf Sternen, weil immerhin die Reihenfolge der Tage eingehalten wurde. Aber die ganz einfachen Tage kann ja jeder.

Dieser Tag endet damit, dass ich in die Tiefkühltruhe gucke, und da liegt Szegediner Gulasch. Eingefroren von einer Anne, die noch nichts wusste. Die an einem beliebigen Sonntag zu viel gekocht hat, weil sie immer zu viel kocht, und die den Rest weggefroren hat für irgendwann.

Irgendwann ist heute.

Da hat also etwas jahrelang still in mir drin gelegen und auf den richtigen Moment gewartet, um zuzuschlagen. Und dann gab es noch die Tupperdose mit Gulasch, die Wochenlang darauf gewartet hat, heute ein tröstliches Abendessen zu sein.

Szegediner Gulasch Rezept

Das Rezept ist hier.

Was der Tag auch bringen mag, meist endet er an einem gedecktem Tisch, mit etwas leckerem auf den Tellern. Viele Worte haben wir heute nicht mehr, aber gemeinsam schweigen kann auch tröstlich sein.

 

Memo an mich selbst:

  • Ab jetzt immer kommt immer ein Notizbuch mit. Zwei Ohrenpaare sind nicht doppelt so gut wie eins, wenn beide zumachen.
  • Mit Mietnomaden und Terroristen wird nicht verhandelt.
  • Ein Plan ist besser als kein Plan. Auch wenn man ihn sich nicht ausgesucht hat. Besonders dann.
  • Das Leben hat keinen Beipackzettel. Die Medikamente schon. Das ist immerhin was.
  • Wohl dem, der Gulasch in der Truhe hat.

„Es ist seltsam beruhigend wenn man keine Wahl mehr hat. Die Qual der Wahl setzt voraus dass man wählen kann. Und manchmal ist das Einzige was einen trägt der Umstand dass jemand anderes entschieden hat.“ — Max Goldt

Bleibt ihr selbst. Bleibt am Tisch. Kommt wieder.

Anne 🍴

Share

Fuck Cancer

Anne

Leave A Reply


Schreibe einen Kommentar Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Rezept Bewertung







© Copyright LetsBlog Theme Demo - Theme by ThemeGoods